Motorrad

Gas geben gegen den Trend

Von Ulf Böhringer, veröffentlicht am 15.11.2010
Foto: Hersteller, Böhringer

Die Arbeitslosenzahlen sinken, die Bruttolöhne steigen (wenn auch langsam), die Autohersteller schreiben gute Zahlen. Doch es gibt Branchen, bei denen ist der aktuelle Aufschwung (noch?) nicht angekommen. Eine davon ist der Motorradmarkt. Wobei dieser auch noch ziemliche Kapriolen schlägt. Denn die Deutschen fahren gerne, mehr als drei Millionen Krafträder sind zugelassen. Aber sie kaufen nicht mehr gerne. Und das bekommen Hersteller, Importeure und natürlich auch Händler zu spüren. Für 2011 keimt nun erstmals Hoffnung auf, den schon elf Jahre andauernden Rückgang der Neuzulassungszahlen stoppen zu können. Viele Hersteller haben nämlich tief in die Trickkiste gegriffen und Modelle entwickelt, bei denen die Freunde gepflegter Einspur-Fahrkultur eigentlich anerkennend durch die Zähne pfeifen sollten.

Seit Jahren bereits ist BMW quasi der Innovationsprimus der Branche, steckt jeden zehnten Umsatz-Euro in Forschung und Entwicklung. Das halten die Bayern auch heuer durch, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn ihr neues Technik-Flagg-schiff namens K 1600 GT – das erste Sechszylinder-Motorrad des deutschen Herstellers – nicht sämtliche künftigen Vergleichstests gewinnen würde, wenn es im kommenden Frühjahr auf die Straßen rollt.

Auch wenn BMW mit rund 100000 jährlich produzierten Motorrädern stückzahlmäßig nach wie vor ein kleiner Hersteller ist, so wundert sich die gesamte Zweiradbranche seit geraumer Zeit über die bayerische Entwicklungspower: Hat man 2010 mit dem ersten Superbike der Firmengeschichte, S 1000 RR genannt, auf Anhieb den Bestseller in diesem Segment auf die Räder gestellt, zeichnet sich nun der nächste Coup ab: Spätestens 2012 wird BMW in den international lukrativen Markt der großvolumigen Motorroller einsteigen. Die "Concept C" genannte Studie, Anfang November der Öffentlichkeit präsentiert, lässt erahnen, dass BMW auch hier keine halben Sachen macht, sondern den Giganten Honda, Yamaha, Suzuki und auch Marktprimus Piaggio zeigen will, wo der Bartel den Most holt.

Ein Hersteller, der ebenfalls Oberwasser verspürt, ist Ducati. In Bologna ist sogar echt der Teufel los, denn das neue Modell "Diavel"– im Bologneser Dialekt bedeutet das Wort Teufel – dürfte ein Muss für Hedonisten sein. Die Kombination aus einem 162 PS starken 1200er-Zweizylindermotor und einem 240 Millimeter breiten Hinterreifen, arrangiert in einem unglaublich ausdrucksstarken Design, soll sich sogar "wie eine echte Sport-Ducati fahren lassen", versichert Ducatis Marketing-Mann Diego Sgorbati. Mit rund 16500 Euro für die technisch nun wirklich nicht sparsam ausgestattete Basisversion bietet Ducati ein Bike, zu dessen Entwicklung keiner der vier großen japanischen Hersteller derzeit vermutlich den Mut hätte. Dass die wirklich Extrovertierten zur 3000 Euro teureren Carbon-Version greifen werden, steht außer Frage.

Mindestens zwei der vier japanischen Branchengrößen, nämlich Suzuki und Yamaha, backen aktuell bedauernswert kleine Brötchen. Kein Mumm, keine nachhaltigen Innovationen. Vor lauter Angst, Fehler zu machen, beschränken sie sich auf Berechenbares. Marktgigant Honda, mit jährlich 15 Millionen produzierter Zweiräder (die meisten sind freilich technisch anspruchslose Billigteile für Länder wie Indonesien, Nigeria oder Indien) der Goliath unter den Großen, kümmert sich immerhin brav um seine umfängliche Modellpalette und versucht, am Ball zu bleiben. Einigermaßen ungewöhnlich ist die jüngste Kreation namens Crossrunner, in der Elemente eines Naked Bike mit denen eines Tourenmotorrads sowie einer straßenorientierten Reiseenduro verschmelzen. Branchenexperten drücken Honda dafür die Daumen, ohne freilich die Überzeugung zu haben, dass Honda mit dem Crossrunner das Rad neu erfunden hat.

Besonders strengt sich aktuell der kleinste der vier Japaner an, Kawasaki. Mit der nagelneuen Supersportmaschine ZX-10R bietet man BMWs Überflieger zumindest laut Datenblatt durchaus Paroli, technisch geht man richtig in die Vollen. Aber auch bei anderen, massentauglicheren Modellen liegen "die Grünen", wie man Kawasaki in der Branche nennt, derzeit recht gut im Rennen und stemmen sich deshalb halbwegs erfolgreich gegen den bösen Trend.

Das gelingt auch der britischen Marke Triumph, gerade nach der 1990 erfolgten Wiedergründung 20 Jahre alt geworden. Mit seiner konsequenten Dreizylinder-Modellpalette, die soeben mit der Reiseenduro Tiger 800 gekrönt worden ist, liegen die Engländer klar auf Erfolgskurs und demonstrieren, dass Europa jener Kontinent ist, der dem schwächelnden Motorradmarkt aktuell die Impulse gibt.

Aus der Motorradbranche

Dreirädriges Unikum
Verwunderung war das Mindeste, was Italiens Motorroller-Gigant Piaggio vor vier Jahren bei der Präsentation seines Dreirad-Rollers MP3 erntete. Der MP3 verbindet rollergemäßen Fahrspaß und Beweglichkeit mit einer anderen, Zweirädern unbekannten, Fahrsicherheit; die beiden Vorderräder, aufgrund einer Parallelogramm-Aufhängung schräglagenfähig, sind insbesondere auf nassem Untergrund, Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen ein unschlagbares Sicherheitsargument. Seitdem man eine Gesetzeslücke gefunden hat und inzwischen auch Autofahrer ohne Motorradführerschein den kräftigen MP3-400 lenken dürfen, boomt die MP3-Produktion. Leider sinniert Brüssel zur Zeit darüber, wie man ihn den Autofahrern wieder abspenstig machen kann.

Elektro-Trend?
Elektrisch angetriebene Motorroller und Motorräder spielen am Markt noch keine Rolle, obwohl Dutzende verschiedener Typen erhältlich wären. Meist gehören sie zur Kaste der Mokickroller, sind also auf 45 km/h Maximaltempo limitiert. So gut wie alle kommen aus China, wo sie in den Metropolen längst in Millionenstückzahlen rollen. Größte Krux der E-Zweiräder ist die Ungewissheit, wie lange die meist doch recht teuren Akkus halten; gehen sie schon nach einem oder zwei Jahren in die Knie, fällt die Gesamtbilanz (relativ hoher Kaufpreis, niedrige Unterhaltskosten) möglicherweise eben doch miserabel aus.

... und Harley-Davidson?
Harley hat es schwer seit 2007; kaum mehr als halb so viele Motorräder wie vor vier Jahren werden gebaut, weil insbesondere der Heimmarkt USA völlig am Boden liegt. In Deutschland gehört Harley-Davidson zu den Topanbietern, schreibt schöne schwarze Zahlen, genießt weiterhin das wertvolle Image des Cruiser-Originals, gegen das alle Japaner gemeinsam nicht anstinken können.
 

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