Porsche

Offen und einfach nur herrlich

Von Peter Weidenhammer, veröffentlicht am 24.11.2010
Foto: Porsche

Der blaue Mauritius ist keine Briefmarke, sondern ein Auto. Und es heißt auch nicht wirklich so, aber es ist noch blauer, noch seltener und noch wertvoller. Was es zur absoluten Rarität macht, ist das briefmarkengroße Nummernschild auf dem Handschuhkastendeckel. 000 steht da, was so viel bedeutet wie: Dieser nagelneue Porsche Speedster ist einer von fünf, die niemals verkauft werden und nach dem Schaulaufen für die Öffentlichkeit direkt ins Museum fahren. Die gute Nachricht für Sammler: Es gibt noch 356 weitere, allerdings mit durchnummeriertem Handschuhkastendeckel und alternativ in Weiß.

Der neue Speedster ist als Sammlerstück gedacht und gemacht. Eines, das man auch als Besonderheit identifizieren kann, wenn man kein Porsche-Insider ist: Die Frontscheibe neigt sich flacher zu den beiden Insassen, der Speedster ist ein reiner Zweisitzer. Wo beim normalen Elfer die Sitzschalen für zwei Fondpassagiere sind, können sich hier allenfalls Gepäckstücke zusammenkauern. Die sind von einer schwarz lackierten sogenannten Crossbar behütet, hinter der sich ein quadratmetergroßer Verdeckkastendeckel erstreckt. Hinter den Kopfstützen wölben sich Crossbar und Verdeckklappe zu zwei sanften Gebirgszügen im Stil des Carrera GT, die nach hinten auslaufen und einen der typischen Charakterzüge dieses Sportwagens formen.

Der Deckel ist aus leichtem Aluminium, und das lernt der Fahrer ganz schnell schätzen, wenn er mal ans Eingemachte muss, um das Verdeck aufzuspannen. Denn das verlangt kundige Handarbeit: Das neu konstruierte Speedster-Verdeck will manuell bedient und dazu der Verdeckkastendeckel mit Muskelkraft verschoben werden. Den erfahrenen Speedster-Piloten erkennt man daran, dass er die Mütze mit nur einer Runde ums Auto aufziehen kann, Anfänger rennen mehrmals außen rum. Man hat ja sonst auch nicht mehr viel zu tun im neuen Speedster. Noch nicht einmal mehr Schalten, das kann das serienmäßige Doppelkupplungsgetriebe viel besser, schneller und effizienter. Selbstverständlich sind auch die Sitze elektrisch voll verstellbar, und selbst die CDs wechselt das Soundsystem ganz von allein. Überhaupt ist der Speedster mit so gut wie allem ausgestattet, was bei Porsche gut und teuer ist. Sogar mit gelben Bremssätteln. Das ist die Kennfarbe für die Zangen der Bremsanlage mit teuren Keramik-Bremsscheiben. Die bringt fadingfreie Höchstleistungen, und die Bremsscheiben können auch nach längerem Stillstand in der Sammlergarage keinen hässlichen Flugrost ansetzen.

Das Beste daran: Sie hilft Gewicht sparen, so dass die üppige Ausstattung sich nicht aufs Gewicht niederschlägt – der Speedster wiegt genauso viel wie ein Carrera Cabrio. Es liegt also nicht an der Fülle, dass der Speedster so breit um die Hüften ist, nein, das ausladende Heck ist, ganz unmodisch, bei Porsche ein Schönheitsideal und steht für besonders viel Traktion auf der Hinterachse.

Die hat der Speedster auch, der blaue Mauritius geht ab wie die Post. Eine spezielle Resonanzsauganlage beliefert den 3,8-Liter-Sechszylinder so gut mit Frischluft, dass der direkteinspritzende Boxer auf 408 PS erstarkt ist – 23 PS mehr als beim Serien-Carrera S. Wie alle Elfer schiebt Mauritius gewaltig von hinten an, in den Kurven auch mit dem Heck mal nach außen, diszipliniert von Sperrdifferenzial und Stabilitätsprogramm PSM. Weil der Speedster so breit und tief liegt, lässt er sich aber noch weniger aus der Ruhe bringen als ein Carrera. Solcher Fahrspaß war es, der dem Speedster seinen Namen einbrachte. Vor 55 Jahren verschweißte man bei Porsche erstmals die Worte Speed und Roadster für einen leichten, schnellen und spartanischen Zweisitzer. 11900 D-Mark kostete der erste Speedster, 2000 D-Mark weniger als ein 356 A Cabrio. Über zwei weitere Generationen hinweg ist der Speedster zum anderen Ende der Preisskala gespurtet: 201682 Euro ruft Porsche für den jüngsten auf. Ein Durchschnittsverdiener muss dafür zweieinhalbmal so lange arbeiten wie damals für den Ur-Speedster. Eine blaue Mauritius gab’s da bei der letzten Versteigerung schon zum Schnäppchenpreis von 25000 Euro. Für einen gleichzeitig angebotenen Prominenten-Porsche fand sich übrigens kein Käufer.

Das Auto

Porsche 911 Speedster

Die Fakten
Motor 6-Zylinder-Boxer, 3,8 Liter Hubraum
Leistung 300 kW (408 PS) bei 7300/min
Max. Drehmoment 420 Nm bei 4200–5600/min
Höchstgeschwindigkeit 305 km/h
Beschleunigung 0 bis 100 km/h 4,4 s
Getriebe 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Abmessungen 4440 x 1852 x 1230 mm (offen)
Kofferraumvolumen 135 l
Leergewicht 1540 kg
Zuladung 380 kg
Tankvolumen 64 l
Verbrauch laut Hersteller 10,3 l/100 km
CO2-Ausstoß 242 g/km
Grundpreis 201682 Euro

Lob und Tadel
Das Design ist rundum gelungen – so muss ein Porsche Speedster 2010 aussehen. Spektakulär anders und trotzdem ein reinrassiger 911.

Trotz Vollausstattung ist der Speedster mit 1540 Kilogramm ein Leichtgewicht in seiner Klasse. Das macht sich bei Fahrdynamik und Verbrauch deutlich bemerkbar.


Der Motor hält, was Name und Form versprechen. Der Sechszylinder ist äußerst kraftvoll, drehfreudig und hängt sportlich am Gas, bleibt dennoch kultiviert und alltagstauglich. Das serienmäßige Doppelkupplungsgetriebe schafft überzeugend den Spagat zwischen sportlich und sparsam. Es schaltet sehr schnell und ermöglicht dennoch relativ geringen Spritverbrauch. Die Exklusivität, einen von nur 356 Speedstern fahren zu dürfen, lässt sich Porsche gut bezahlen. Der Zweisitzer kostet fast doppelt so viel wie ein Carrera S Cabriolet.

Das manuelle Verdeck funktioniert zwar mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Wenn’s plötzlich anfängt zu regnen, dauert das Aufspannen aber lang – das Interieur wird nass. Das sportliche Fahrwerk lässt nur wenig Bodenfreiheit übrig. In Kurven am Berg setzt die Frontschürze auch beim Langsamfahren schnell auf der Fahrbahn auf.
 

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